EVALO Eröffnung von Anpassungsfähigkeit für lebendige Orte.

Ziel des Forschungsprojektes ist, die Erkenntnisse für künftige planerische Maßnahmen praxisorientiert nutzbar zu machen. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Möglichkeiten und Kompetenzen Vertreter und Vertreterinnen der Politik, der Planung sowie die Menschen in den Stadtteilen und –quartieren haben, auf Anpassungsfähigkeit von Siedlungen hinzuwirken.

 

Das Forschungsprojekt wird in sieben Teilprojekten durchgeführt, die sich aus dem Blickwinkel verschiedener Fachdisziplinen (Raumplanung, Stadt- und Landschaftsplanung, Wirtschaftswissenschaft, Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Verkehrswissenschaft und Stadtgeographie) dem Thema stellen.

Daran beteiligt sind die Universitäten Kassel, Bremen und Stuttgart-Hohenheim, das Institut für Landes- und Stadt­entwick-lungsforschung Nordrhein-Westfalen in Dort­mund (ILS), W+P GmbH/Weeber + Partner - Institut für Stadt­planung und Sozialforschung in Stutt­gart/Berlin sowie das Planungsbüro Protze & Theiling in Bre­men.

 

 

Teilprojekt 1:               Kids im Quartier

Teilprojekt 2:               Lebens- und Arbeitsorte

Teilprojekt 3:             Lebensmittel in der Stadt

Teilprojekt 4:               Urbane Subsistenz als Infrastruktur der Stadt

Teilprojekt 5:               Integration und Nutzungsvielfalt im Stadtteil

Teilprojekt 6:               Bildung und Stadt

Teilprojekt 7:               Städtebau, Wohnorganisation und Kommunikation

 

Laufzeit: 2001 - 2004

 

Internet: www.uni-kassel.de/fb13/evalo

 

 

Das Teilprojekt 3 Lebensmittel in der Stadt

untersucht den Zusammenhang zwischen baulich-räumlichen Strukturen einerseits und den Versorgungsformen und Verhaltensweisen der Quartiersbewohner/-innen andererseits. Darüber hinaus geht es um das Sichtbarmachen der Versorgungsbezüge einer Stadt und der damit zusammenhängenden Möglichkeiten und Abhängigkeiten.

 

Hintergrund des Projektes

Die aktuellen Lebensmittelskandale, wie z.B. BSE, Dioxin- oder Hormonbelastungen ma­chen deut­lich, dass sich unsere Lebensmittel­versor­gung in einer Krise befindet. In den Dis­kussio­nen über Ver­änderungsmöglichkeiten wird je­doch kaum the­matisiert, dass die vor­handenen Probleme auch etwas mit Stadt und ihrer bau­lich-räumlichen Organisation zu tun ha­ben könnten. Dabei sind in den letzten Jahr­zehnten in den Städten hin­sichtlich ihrer Ver­sorgung mit Lebensmitteln dramatische Ver­än­derungen vor sich gegangen:

Während vor 50 Jahren die meisten Lebens­mit­tel noch selbst erzeugt wurden oder aus der nä­heren Umgebung der Städte kamen, ist es heute in den meisten Fällen nicht mehr nach­vollzieh­bar, wo und wie sie entstanden sind. Für die meisten Menschen ist es inzwischen un­vorstell­bar, Lebensmittel selbst anzubauen. Unsere Le­bensmittelversorgung ist weit­gehend unsichtbar geworden und von hoch spe­zialisier­ten Expertensystemen abhängig, auf die der Einzelne keinen Einfluss mehr hat.

 

Ziel des Projektes

Das Ziel des Projektes ist, Erkenntnisse dar­über zu gewinnen, wie eine qualitativ hochwer­tige Lebensmittel­versorgung im Rahmen einer Kon­zeption gebrauchs- und alterungsfähiger Or­gani­sationsstrukturen von Stadt­quartieren und Städ­ten aussehen kann und welche Hand­lungsspiel­räume sich für Städte eröffnen, diese zu unter­stützen und auszu­bauen. Lebensmit­telqualität defi­niert sich in diesem Zusammen­hang nicht darüber, dass ein Produkt aus der Nähe automa­tisch besser ist, sondern darüber, dass die Lebensmit­teler­zeu­gung wieder nach­voll­ziehbar wird und dass sich den Men­schen mehr Entscheidungs­möglichkeiten beim Ein­kauf von Lebensmit­teln vor Ort eröffnen. Die gegenwärtige Diskussion um eine "sichere" Le­bensmittel­versorgung soll aus städtebaulicher Sicht ergänzt werden. Es geht darum, anpas­sungsfähige Formen der Le­bens­mittelversor­gung zu ermitteln und deren Chan­cen vor dem aktu­ellen gesell­schaftlichen Hin­tergrund und in den vorhan­denen städte­bauli­chen Strukturen einzu­schätzen. Dafür nähert sich das Projekt dem Thema von drei verschiedenen Seiten:

 

Herangehensweise und Forschungsfra­gen

Zunächst muss geklärt werden, welche Er­klärungsmuster es für die bewusstseins­mäs­sige Entfernung von Stadtbewohnern und -planern gegenüber Erzeugung, Verar­beitung und Ver­brauch von Lebensmitteln gibt. Es ist zu vermuten, dass das Bild von Land­wirt­schaft, welches Planer und Bewohner "in den Köpfen" haben, durch mehr als ra­tio­nale, be­wusste Aspekte geprägt wird. Kind­heitser­fahrun­gen, Erinnerungen und persön­liche Erlebnisse aber auch politi­sche Einstellun­gen spielen vermutlich eine wich­tige Rolle bei den Vorstellungen über Landwirtschaft und den daraus resultie­ren­den Verhaltensmustern. Wel­che Auswir­kungen ergeben sich daraus auf das Bild der Stadt und das Verhalten der Planer und Be­wohner? Welche Wechselwirkungen sind fest­zustellen? Durch Experteninterviews mit Planern und Bewohnern sollen diese Fragen beantwortet werden.

 

Außer­dem ist es notwendig zu erfahren, wo und wie sich heute städtische Haushalte mit Lebens­mitteln versor­gen. Wo befinden sich die Orte des Einkaufs? Werden noch selber Lebensmittel angebaut, verarbeitet oder Mahlzeiten zubereitet?

 

Ziehen unter­schiedli­che baulich-räum­liche Vor­aussetzungen ein bestimmtes Versorgungsver­halten nach sich? Welcher Zusammenhang be­steht zwischen der Siedlungsstruktur und den Fremd- und Selbstversorgungsmöglichkeiten der Bewohner eines städtischen Quartiers? Im Rahmen von Haushaltsbefragungen und Kar­tie­rungen in un­terschiedlich alten Stadtquar­tie­ren Kassels soll diesen Fragen nachgegangen werden. Im einzelnen handelt es sich bei den Untersu­chungsquartieren um ein gründerzeitli­ches Quartier (den 'Vorderen Westen', der Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist), um eine Selbst­ver­sorgersiedlung ('Süsterfeld', ent­stan­den ab 1930), um eine Zeilensiedlung ('Helle­böhn', ent­standen in den 50er Jahren) sowie um ein Ein­familienhaus­gebiet in der Ge­meinde Kaufungen (entstanden ab den 80er Jahren).

 

Darüber hinaus ist die Frage zu klären, woher die Lebensmittel kommen, mit denen sich städ­tische Haushalte versorgen und wer in welcher Art und Weise bei ihrer Herstellung beteiligt ist. Wo be­finden sich die Handelseinrich­tungen, die Orte der Le­bensmittelverarbeitung und -erzeu­gung? Von wem werden sie betrieben? Welche räumliche Ausprägung hat die gesamte Kette der Le­bensmittelbereit­stellung? Gibt es dabei noch Beziehungen der Stadt zu ihrem Umland? Wel­che Abhängigkeiten bestehen zu anderen Regi­onen in Deutschland oder der Welt? Mit pro­duktbezoge­nen Analysen sollen exempla­risch verschiedene Möglichkei­ten der Bereit­stellung von Lebensmit­teln transparent und ihr Anteil an der städtischen Versorgung deutlich gemacht werden.